Anwesenheitskontrollen– so sieht Wahlfreiheit an einer Elite-Uni aus

Repressionsmittel selbst aussuchen

Anwesenheitskontrollen – das ist nichts Neues für die StudienanfängerInnen dieser Welt. Mensch kennt sie aus der Schule, wo aufwendige Manöver, für die eine Begabung im Nachahmen von Unterschriften, herausragende schauspielerische Fähigkeiten oder eine freundschaftliche Beziehung zu einem Allgemeinmediziner erforderlich waren, um unbeschadet Stunden in Fächern zu versäumen, die dem eigenen Interesse und den eigenen Fähigkeiten völlig zuwider liefen. An der Universität, so ist man geneigt an zu nehmen, sollten solche Absurditäten doch eigentlich überflüssig sein. PUSTEKUCHEN…

Es besteht Anwesenheitspflicht in allen Veranstaltungen, die zum „erfolgreichen“ (im Sinne der Prüfungsordnung) Abschluss des Studiums besucht werden müssen. Mensch darf nur zweimal im Laufe eines Semesters fehlen, alles was darüber hinausgeht, führt dazu, dass mensch entweder keinen Teilnahmeschein erhält oder die Prüfung zum Erwerb eines Leistungsscheins nicht ablegen darf Die Veranstaltung müsste in einem folgenden Semester also noch einmal besucht werden. Diese prinzipielle Regelung ist allerdings abhängig vom Dozierenden und variiert dementsprechend. Eine Empfehlung des geschäftsführenden Direktors des OSIs, die dieser als Reaktion auf den studentischen Streik im Wintersemester 05/06 (siehe auch „Resolution der Streikvollversammlung vom WS 05/06“) verfasst hat, legt einen kulanten Umgang mit der Anwesenheitspflicht nahe:

„Auf welche Weise die Teilnahme festgestellt wird, obliegt in allen Lehrveranstaltungen der Entscheidung der Dozierenden. Anwesenheitslisten sind nur eine Möglichkeit, die regelmäßige Teilnahme festzustellen. Der Prüfungsausschuss empfiehlt den Lehrenden, in Vorlesungen auf das Führen einer Anwesenheitsliste zu verzichten.(…) Ich hoffe, dass sich bei Beachtung dieser Regeln und Empfehlungen Überbelastungen ebenso wie für Lehrende und Lernende unwürdige Kontrollsituationen vermeiden lassen“

Prof. Dr. Bodo Zeuner
Geschäftsführender Direktor des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft

Aber diese Empfehlung tangiert einige kontrollwütige oder schlicht ahnungslose ProfessorInnen nicht im geringsten bzw. sie legen sie in einer Art und Weise aus, die die „unwürdigen Kontrollsituationen“ keines falls abbauen sondern teilweise noch verschärfen. So wurde in der letzten Einführungsvorlesung (die unsinnigerweise auch Menschen besuchen müssen, die schon wer weiß wie viele Semester Politikwissenschaft studieren und lediglich einen Uni-Wechsel vollzogen haben und also mit den hier vermittelten Grundlagen vertraut sind) ein Anwesenheitstest eingeführt, der am Ende des Semesters nachträglich die aktive Teilnahme bestätigen sollte. Groteske Situationen erlebte mensch im vergangenen Semester, wenn die Dozentin/der Dozent zu Beginn der Veranstaltung die Studierenden vor die Entscheidung stellte mit welchem Repressionsmittel sie lieber diszipliniert werden wollten „Liste oder Test“. Vergleichsweise harmlos erscheinen diese Beispiele, wenn mensch den Vorfall betrachtet, der den bisherigen Höhepunkt des Kontrollwahns darstellt. Der Professor für „Politisches System der BRD“ Jens-Joachim Hesse nötigte seine Assistenten dazu, für ihn Polizei zu spielen. Am Ende einer Veranstaltung musste sich jeder Student und jede Studentin einzeln und teilweise sogar unter Vorlage des Studierendenausweises in die von den Assis strengstens überwachte Anwesenheitsliste eintragen.

Solche massiv repressiven Maßnahmen laufen der Konzeption eines selbst bestimmten Studiums erheblich zuwider. Das akademische Studium gilt gemeinhin als Selbstzweck im Gegensatz zur zielgerichteten Berufsausbildung. Die Universität sollte als Freiraum zur intellektuellen Entfaltung dienen und grade die Politik- und Sozialwissenschaften sollten als herrschaftskritische Instanzen fungieren und kein abfragbares Wissen vermitteln sondern Anregungen für kritische, reflektierte Individuen bereitstellen. Doch nebst dieser theoretischen Überlegungen, die in einem nach dem Bolognaprozess modularisierten Studiengang ohnehin schwerlich verwirklicht werden können, haben strikte Kontrollen der physischen Anwesenheit der Studierenden auch praktische Auswirkungen, die weder im Interesse der Studierenden noch der Dozierenden liegen können. In Kombination mit der äußerst eingeschränkten Wahlfreiheit führen Anwesenheitskontrollen dazu, dass Veranstaltungen von Studierenden abgesessen werden, deren Interessengebiet anderswo angesiedelt ist bzw. die es vorziehen, sich den behandelten Stoff selbständig zu erarbeiten. Überfüllte Hörsäle und Unruhe sind die Konsequenz. Die Qualität einer Veranstaltung würde zweifellos davon profitieren, wenn sie statt vieler Zwangsgäste, wenige Interessierte besuchen würden.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, das Problem des schlechten „Betreungsverhältnisses“ sei durch Abschaffung von Anwesenheitsüberprüfungen zu lösen. Ich habe im letzten Semester sehr gut besuchte Veranstaltungen erlebt, bei denen der/die DozentIn von Anfang an und erklärtermaßen auf die Kontrolle, der Anwesenheit verzichtet hat. Die finanziellen Kürzungen der letzten Jahre und der damit einhergehende, drastische Schwund von DozentInnen sind in erster Linie dafür verantwortlich. Dennoch ist es in hohem Maße widersinnig, auf der einen Seite durch Selektion über einen uniweiten NC und eine nicht nachvollziehbare Berechnung der Kapazitäten (für die Aufnahme von Studierenden), die Studierenden Zahl möglichst gering zu halten, während gleichzeitig autonomes Lernen fast unmöglich gemacht wird.

In der Vergangenheit wurde von studentischer Seite versucht, den Kontrollen etwas entgegenzusetzen. An der TU-Dresden wurde beispielsweise zur „Woche des Listenschwunds“ aufgerufen und auch hier an der FU ließ mensch sich etwas einfallen. Als Clowns verkleidete StudentInnen machten auf die „unwürdigen Kontrollsituationen“ aufmerksam und entwendeten Listen. Studierende forderten zu Diskussionen innerhalb von Veranstaltungen auf und erreichten eine institutsweite Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Forderung einiger Erstsemester die Organisation der Einführungsveranstaltung in Zukunft jemand anderem als Barbara Riedmüller zu überlassen, wurde nun umgesetzt. Diese hatte sich mit Kontrollen besonders hervorgetan und ist auf den Protest der Studierenden nicht im mindesten konstruktiv eingegangen, sondern hat im Gegenteil mit diffamierenden Äußerungen gegen Studierende unangemessen reagiert. Ein Teilerfolg, der dazu ermuntert nicht zu resignieren und die Repression widerstandslos hinzunehmen. Oft sind aufwendige Aktionen nicht einmal nötig, um die Führung einer Anwesenheitsliste in einem Seminar oder einer Vorlesung zu verhindern. Es genügt in manchen Fällen lediglich auf den Inhalt des oben zitierten Briefes hinzuweisen, da dieser einigen Dozierenden schlichtweg unbekannt ist. Hier kann mensch, wie in den letzten beiden Semestern anschaulich demonstriert wurde, auch auf taube Ohren stoßen. In solchen Fällen kommt es dann eben manchmal vor, dass zusammengetackerte Zettelbündel mit Unterschriften plötzlich unauffindbar sind…

Die Listenclowns besuchen Hesse-Vorlesung

27. Juni 2006 Spiegel online LI-LA-LISTENKLAU Attacke der Störstudenten-Guerilla

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Ein Gedanke zu “Anwesenheitskontrollen– so sieht Wahlfreiheit an einer Elite-Uni aus

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